Die Seele eines Bowdenzugs ist das Zugseil, welches im Inneren des Mantels läuft. Über die Seele müssen Zug- und eventuell Druckkräfte aufgenommen werden. Gleichzeitig soll sie leicht im Mantel laufen und gut biegbar sein. Besonders die Ansprüche an eine hohe Kraftübertragung und die an gute Biegbarkeit sind nicht leicht zu vereinen.

 

Je mehr Kraft übertragen werden soll, desto weniger verformbar muss das Material der Seele sein. Das Ziel bei Auswahl von Material und Stärke der Seele ist ein guter Kompromiss zwischen Festigkeit und Verformbarkeit.

 

Die einfachste Variante der Seele für einen Bowdenzug ist ein einfacher Stahldraht aus Federstahl. Für Bowdenzüge werden Federstahldrähte von um 1 mm bis zu 3 mm eingesetzt. Die Zugfestigkeit eines 1 mm dicken Federdrahts liegt bei etwa 2.300 N, also etwa 230 kg (http://stahlbecker.de/produkte/zugfestigkeit-von-federdraht-patentiert-gezogen-nach-din-en-10270-1-sh-abhaengigkeit-vom). Ein Drahtseil von einem Millimeter Durchmesser liegt zum Vergleich bei unter 1.000 N Zugfestigkeit. Ein Bowdenzug mit Federstahldraht kann nicht nur sehr große Kräfte übertragen. Im Gegensatz zu einem Drahtseil kann der Federstahl dank seiner eigenen Steifigkeit auch Druckkräfte übertragen, zum Beispiel bei Rasenmähern. Bei Push-Pull-Kabeln wird die Seele bei der Übertragung von Druckkräften eher vom Mantel unterstützt.

 

Die große Steifigkeit hat natürlich auf eine Kehrseite: Bowdenzüge mit Federstahlseele sind relativ starr und lassen keine engen Biegeradien bei der Verlegung zu. Bewegen sich Ein- und Ausgabeseite dazu noch, kann es schnell zu einem Ermüdungsbruch in der Seele kommen.

 

Drahtseile geben die deutlich flexibleren Seelen für Bowdenzüge ab. Auch wenn Drahtseile oft aus dem gleichen Material wie Federstahldrähte gezogen werden, erlaubt die ineinander verdrehte Struktur eines Stahlseils größere Bewegungsfreiheit.

 

Ein Stahlseil ist zwischen 0,1 mm und 8 mm dick und besteht immer aus mehreren, dünnen Drähten. Wie bei einem Seil dünne Fäden zu immer dickeren Fäden verdreht werden, so werden auch beim Stahlseil die Drähte zu Litzen zusammengedreht. Aus mehreren Litzen wird dann ein Stahlseil gedreht. Die dünnsten Seelen von Bowdenzügen sind um einen Millimeter dick. Diese können nur sehr geringe Kräfte übertragen.

 

Um Kraft über die Seele eines Bowdenzugs zu übertragen, müssen Anschlussstücke angebracht werden. Am bekanntesten ist sicherlich der Tonnennippel, wie er auf vielen Schalt- und Bremszügen angebracht ist. Der Tonnennippel ist, wie die meisten anderen Anschlusstücke auch, nach seiner Form benannt. Alle Endstücke von Bowdenzügen und Push-Pull-Kabeln werden verschraubt, verpresst, verlötet oder direkt aus Zink angegossen. Das passende Verfahren wird anhand der zu fertigen Stückzahl und den verfügbaren Maschinen ausgewählt. Ein Bowdenzug für den Großhandel, zum Beispiel für Fahrräder, wird eher mit einem Druckgußnippel versehen. Kleinserien oder Ersatzteile zum Beispiel für Oldtimer werden verpresst oder verlötet.

 

Weil die Seelen von Push-Pull-Kabeln nicht nur in Zug- sondern auch in Druckrichtung belastet werden, können sie mit einer eng gewickelten Flachdrahtwicklung verstärkt werden. Wird ein Zugseil in Druckrichtung belastet, werden die Litzen und Drähte, aus denen es zusammengeflochten ist, auseinandergedrückt. Sie weichen der Druckkraft aus. Dadurch verliert die Seele ihre Form und einzelne Drähte könnten brechen. Beides führt zu erhöhter Reibung im Mantel des Bowdenzugs und letztlich zu dessen Zerstörung. Die zusätzliche Flachdrahtarmierung verhindert das Aufdrehen der Drahtseele bei Druckbelastung, in dem sie der Seele eine eigene, formgebende Hülle gibt. Dadurch können die Drähte in der Seele der Druckbelastung nicht ausweichen und behalten ihre Steifigkeit in Richtung der Druckkraft.